Weihnachten mit Gondolin: Das Wunder der Weihnacht

Gargoyle Gondolin vor einer Laterne mit brennender Kerze darin

„Die ganze Welt schien auf den Lichtkreis, den das Feuer warf, beschränkt zu sein. Alle Gargoyles kamen zusammen und bildeten einen Halbkreis am Rand des Lichts.“

Im Jahr 1190, im hohen Mittelalter, bestimmte die Kirche, was die Menschen glauben und denken durften. Für die Kirche waren wir Gargoyles Dämonen, Diener des Teufels. Als Steinfiguren an ihren heiligen Gebäuden waren wir seltsamerweise willkommen, als Schutz gegen das Böse. Begegnete man uns aber in wachem Zustand, wurden wir gnadenlos verfolgt. Verständlicherweise zeigten wir uns daher nur noch selten den Menschen, auch wenn der Kontakt uns noch nicht verboten war.

Ich lebte zu dieser Zeit mit einer Gemeinschaft von Gargoyles auf einem von den Menschen verlassenen Landgut. Unser Anführer hatte dafür gesorgt, dass es als von Dämonen besessener Ort galt, so hatten wir dort unsere Ruhe. Und wieder einmal wurde es Heiligabend.

Sie kamen, kurz nachdem wir erwacht waren. Ein junges Pärchen kämpfte sich durch den frischgefallenen Schnee, der Mann stützte die hochschwangere Frau, die offensichtlich Schmerzen litt. Ohne zu bemerken, dass sie beobachtet wurden, betrat das Menschenpaar die Wohnhalle, wo der Mann seine Frau zum Kamin führte. Natürlich hatten wir alle die Besucher längst bemerkt und tuschelten aufgeregt im Hof. Lange hatte kein Mensch mehr gewagt, das Landgut zu betreten, dies mussten Fremde in der Gegend sein.

„Unter keinen Umständen werdet ihr euch ihnen zeigen“, knurrte Biest, unser Anführer. Er hatte die Gestalt eines zweieinhalb Meter großen, muskulösen Dämons mit Fledermausflügeln und war sich seiner furchteinflößenden Präsenz durchaus bewusst. „Unter keinen Umständen! Ist das klar?“ Wir nickten eingeschüchtert, woraufhin Biest mürrisch davonstapfte.

Als einer der kleinsten Gargoyles ließ ich mich bald darauf wieder im Dachgebälk nieder, um unsere unerwarteten Gäste zu beobachten. Neben mir hockte Gabriel, eine kleine pausbäckige Putte mit einem sanften Gemüt. Der Mann hatte inzwischen Feuer gemacht und seiner Frau ein Lager aus alten Decken bereitet. Immer wieder einmal schrie diese auf und atmete hektisch, dann entspannte sie sich wieder ein wenig. Der Mann hielt die ganze Zeit über ihre Hand und redete beruhigend auf sie ein, Elisabeth nannte er sie.

„Sie ist dabei, zu gebären“, flüsterte die alte Melea, die neben uns aufgetaucht war. Sie hatte zwar keine Flügel, aber wie alle unserer Art konnte sie hervorragend klettern. „Aber etwas stimmt mit dem Kind nicht, vermutlich liegt es verkehrt in ihrem Bauch. Ohne Hilfe wird sie zusammen mit dem Kind sterben. Und ich glaube, sie weiß das.“

Ich verstand nicht viel von den Krankheiten der Menschen, am allerwenigsten von der Geburt. Aber Melea war eine erfahrene Heilerin und ihr Gespür für den Zustand eines Menschen geradezu unheimlich. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie Recht behalten würde, und empfand großes Mitleid mit den beiden Menschen unter uns.

„Gabriel, wirst du mir helfen? Ich will ihnen meine Hilfe anbieten, aber sie werden mich fürchten.“

„Aber Biest hat uns verboten, uns ihnen zu zeigen“, warf Gabriel ein.

„Was Biest sagt, interessiert mich nicht. Ich wurde als Heilerin geschaffen und werde nicht tatenlos zwei Menschen beim Sterben zusehen. Wirst du für mich mit ihnen reden oder muss ich alleine gehen?“

Gabriel blickte Melea eine Weile an, sah dann wieder zu den Menschen und flatterte schließlich hinab zu ihnen, wo er am äußersten Rand des Feuerscheins landete. Erschrocken sprang der Mann auf und stellte sich schützend vor seine Frau.

„Was willst du? Bist du ein Dämon?“ In seiner rechten Hand hielt er einen Dolch, mit der linken streckte er Gabriel einen Kreuzanhänger an seiner Halskette entgegen. Beide Hände zitterten.

„Fürchtet euch nicht“, sprach Gabriel ruhig mit seiner glockenhellen Stimme. „Ich bin kein Dämon, sondern ein Gargoyle und möchte euch helfen. Unsere Heilerin sagt, ohne Hilfe werden weder deine Frau noch dein Kind die Geburt überleben.“

Der Mann zögerte misstrauisch, in diesem Moment schrie seine Frau wieder einmal schmerzgepeinigt auf. Als der Schmerz etwas nachgelassen hatte, flüsterte sie: „Er hat Recht, Johannes.“

Erschüttert sah der Mann zu ihr und erkannte die Wahrheit in ihren Augen. Er wandte sich wieder Gabriel zu: „Was verlangst du für deine Hilfe?“

„Ich bin nicht derjenige, der euch helfen kann. Aber unsere Heilerin Melea hat schon unzähligen Menschenkindern auf die Welt geholfen. Und sie verlangt gar nichts für ihre Hilfe.“

„Warum zeigt sie sich nicht?“ Noch immer hielt Johannes Dolch und Kreuz unschlüssig in Händen.

„Weil ihre Gestalt euch Angst machen wird“, sagte Gabriel. „Schon mich habt ihr für einen Dämon gehalten, obwohl ich die Gestalt eurer Engel habe.“

„Und ihr seid wirklich keine Diener des Teufels?“

Noch bevor Gabriel den Kopf schütteln konnte, stieß Elisabeth hervor: „Bitte, wenn ihr mir helfen könnt, wenigstens mein Kind zu retten, dann tut das.“

„Ich kann nichts versprechen, aber ich werde alles dafür tun, was in meiner Macht steht.“ Melea hatte aus den Schatten gesprochen und trat nun ins Licht.

Beide Menschen sogen hörbar die Luft ein.

Melea war alt, so alt, dass ihre Haut sich nicht mehr völlig verwandelte, sondern das Aussehen bröckelnden roten Lehms behielt. Sie hatte die Gestalt einer kleinen Menschenfrau, etwas über einen Meter groß, mit üppigen Brüsten und breiten Hüften. Ihre Haare bestanden aus dicken Wülsten, die die Menschen stets für Schlangen hielten, und sie daraufhin voller Furcht als „Medusa“ bezeichneten.

Eine ganze Weile sahen sich Melea und die Menschenfrau in die Augen, dann nickte Elisabeth. Melea ging zu ihr und tastete ihren Bauch ab. „Es liegt mit den Füßen nach unten, ich werde es herumdrehen müssen. Gabriel, hol saubere Tücher und meine Arzneien. Gondolin, besorg reines Wasser und sag Rufus, er soll das Feuer in der Küche in Gang bringen und mir die saubersten Schüsseln herstellen, die er hat.“

Johannes, der gerade im Begriff gewesen war, sich zu setzen, schreckte wieder hoch, als Gabriel und ich losflogen.

„Niemand auf diesem Land wird euch schaden. Auch wenn eure Kirche euch etwas anderes erzählt, sind wir Gargoyles Beschützer und Helfer der Menschen, schon seit lange bevor euer Jesus Christus geboren wurde.“

Melea wies Johannes an, seine Frau zu stützen, und weichte dann ihre Hände in dem gereinigten Wasser ein, das ich ihr gebracht hatte – wozu ist man schließlich Wasserspeier? Auf einmal waren ihre Hände gar nicht mehr steinig und rau, sondern so weich wie Gargoylehände werden können.

 

In den nächsten Stunden richtete sich die Aufmerksamkeit von uns allen auf Melea und die gebärende Frau, die ganze Welt schien auf den Lichtkreis, den das Feuer warf, beschränkt zu sein. Alle Gargoyles kamen zusammen und bildeten einen Halbkreis am Rand des Lichts. Sogar Biest hatte es irgendwann aufgegeben, zornig gegen Melea zu wettern, und sich etwas abseits in den Schatten niedergelassen. Als Johannes und Elisabeth sich halbwegs an unsere Gegenwart gewöhnt hatten und Melea sie überzeugt hatte, dass es noch eine Weile dauern würde, erzählte Johannes, dass sie seinen Bruder mit dessen Familie im nahegelegenen Dorf hatten besuchen wollen, damit Elisabeth und ihr Kind Unterstützung gehabt hätten. Auf ihrer Reise waren sie jedoch vom Pech verfolgt. Erst verloren sie ihr Pony durch ein gebrochenes Bein, was ihr Vorwärtskommen erheblich verzögerte. Trotzdem hatten sie heute das letzte Stück der Reise noch hinter sich bringen wollen. Der Schneesturm hatte sie jedoch den Weg verlieren lassen und als dann Elisabeths Wehen einsetzten, viel früher als erwartet, waren sie froh gewesen, als sie ein Haus entdeckt hatten, das ihnen zumindest etwas Schutz bot.

Auch wir Gargoyles erzählten von uns, bis Melea sagte: „Es beginnt.“

Johannes begann sofort, zu beten, Elisabeth schloss sich ihm an, so gut es ging, und ebenso alle von uns, die christliche Gebete kannten. Wir anderen stimmten die alten Erdengesänge an und es entspann sich ein Band zwischen uns, zwischen Menschen und Gargoyles, das uns eins werden ließ.

Irgendwann gegen Morgen schrie Elisabeth ein letztes Mal auf, dann hielt Melea auf einmal etwas in den Armen. Alle Blicke richteten sich auf das blutverschmierte rosige Etwas. Melea gab ihm einen leichten Klaps und nach einem bangen Augenblick absoluter Stille begann das Baby kräftig zu schreien und zu strampeln.

„Du hast eine Tochter“, sagte Melea lächelnd, „und sie wird leben.“ Dankbar und überglücklich strahlte Elisabeth die alte Gargoyle an.

Nachdem Melea das Baby gewaschen, in Tücher gewickelt und seiner Mutter in den Arm gelegt hatte, kniete sie sich neben diese und strich ihr sanft über die Stirn. „Ruh dich nun aus, dann wirst auch du leben.“ Sie blickte in die Runde, sah jedem einzelnen der Anwesenden in die Augen. „Ich wurde geschaffen, um den Menschen zu helfen. Im Laufe meines Lebens wurde ich verehrt und gefürchtet, gehasst und geliebt von euch Menschen. Heute durfte ich noch einmal erleben, dass die Freundschaft zwischen Menschen und Gargoyles noch nicht verloren ist. Was immer für Zeiten noch kommen mögen, vergesst niemals das alte Bündnis. Freundschaft, Verständnis und Hilfsbereitschaft, so lehrt es der Kodex der Gargoyles und so lehrt es doch auch euer Christus. Vergesst das niemals. Und wenn mir ein Wunsch erfüllt werden soll, dann erzähle deiner Tochter von ihrer Geburt, auf dass auch sie wissen und erinnern möge.“

Elisabeth nickte Melea zu. „Das verspreche ich. Und damit ich nicht vergesse, und um dich zu ehren, werde ich meine Tochter Leah nennen.“

Melea lächelte gerührt. Und weil auch ich nicht wusste, wohin mit meiner ganzen Rührung, stimmte ich ein Weihnachtslied an. Schnell fielen die anderen ein und so sangen wir und unterhielten uns, bis mit der Dämmerung der Schlaf über uns kam.

Am nächsten Nachmittag, nachdem wir erwacht waren, verpackten wir Elisabeth und Leah, so warm es irgend ging, und Biest und Rufus flogen die drei Menschen im Schutz der Dunkelheit bis kurz vor das Dorf. Sie beobachteten sie lange genug, um sicherzugehen, dass sie dort noch Einlass fanden, und kehrten dann zu uns zurück.

Keiner von uns, der damals dabei war, hat dieses Weihnachtsfest jemals vergessen. Damals hat Weihnachten seine wahre Bedeutung für mich erlangt: Eine Zeit, sich daran zu erinnern, dass wir zusammengehören, dass wir füreinander da sein sollen. Ein Fest der Liebe.

Euer Gondolin

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